„Als Erzieherin entdecke ich seit 40 Jahren Talente“

Erzieherin Silvia van Zütphen berichtet im Interview über Talentförderung in der Kita

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Silvia van Zütphen findet: „Singen, spielen, tanzen, lachen: Das ist das ABC der Kindergartenkinder.“ Seit 41 Jahren ist sie Erzieherin in der Evangelischen Kita Katzbachswartraße in Moers. Die 61-Jährige hat in ihrem Beruf viele Höhen und Tiefen erlebt. 
Heute stand ein weiteres Highlight bevor: Die Einrichtung nahm zum ersten Mal an den TalentTagen Ruhr teil. Die Autorin Birgit Ebbert war zu Besuch und las die Geschichte „Reporterbande im Kindergarten“ aus „Das große Aktions- und Vorlesebuch für Vorschulkinder“ vor. Danach machten sich die kleinen Reporter an die Redaktionsarbeit. Die Vorschulkinder erstellten ihre eigene Kindergartenzeitung „Dinolino“.

Im Interview mit Jasmin Buck von Initiativkreis Ruhr berichtet Silvia van Zütphen, warum die Veranstaltungsreihe der TalentMetropole Ruhr für Kinder wichtig ist, sie ihren Job als Erzieherin liebt und wie sie sich ihren Ruhestand vorstellt. 

Bei den TalentTagen Ruhr, an denen Ihre Einrichtung in diesem Jahr zum ersten Mal teilgenommen hat, geht es darum, die Fähigkeiten der Kleinsten zu unterstützen. Wie gelingt Ihnen genau das im Kindergartenalltag?
Unsere Aufgabe ist es immer, Talente aus den Kindern heraus zu kitzeln und in Ruhe auf sie einzugehen. Dem einen liegt das Thema bauen am Herzen, der anderen liebt das Zeichnen. Andere Kinder wiederum sind einfach gerne draußen und suchen nach Insekten. Solche Vorlieben unterstützen wir gerne. Manchmal sind den Eltern die Talente ihrer Kinder auch nicht bewusst, dann geben wir unsere Eindrücke weiter. Erst kürzlich gab es ein Kind, das hier unglaublich gerne Musik gemacht hat. Seit kurzem kann es dieses Talent in der Musikschule ausleben. Positives bestärken ist das A und O. Denn die Kinder schauen sich vieles voneinander ab, sagen dann „Du kannst das besser“ und wollen aufgeben. Hier müssen wir eingreifen und sagen: „Bleib‘ dran. Ein anderer malt vielleicht das Haus besser, dafür kannst du ganz tolle Tiere malen.“  Insofern sind Initiativen wie die TalentTage Ruhr der TalentMetropole Ruhr unfassbar wertvoll und gewinnbringend.

Zur Talentförderung gehört es immer mehr, auch den Umgang mit Neuen Medien zu forcieren. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung?
Man kann es negativ sehen und sagen: Die Technik hat viele Kinder gerade im motorischen Bereich ausgebremst. Am Anfang war es der Fernseher, dann Konsolen wie Nintendo und Gameboy und jetzt Laptops und Handys. Man kann es aber auch positiv belegen: Wir hatten im vergangenen Jahr ein Kita-Kind, das total an Raumfahrt interessiert war. Da haben wir öfters den Laptop rausgeholt und geschaut, wie das Thema etwa in der „Sendung mit der Maus“ erklärt und aufbereitet wird. Solche Lerneinheiten funktionieren wunderbar in Kleingruppen, etwa mit den Kindern, die noch am Nachmittag zur Betreuung bei uns sind. Ich bin ganz ehrlich: Ich habe mich lange geweigert, den PC in der Gruppe mit zu nutzen. Aber mittlerweile sehe ich, dass es allein schon deshalb wichtig ist, weil der Umgang mit Neuen Medien in der Grundschule heutzutage normal ist. Da ein gesundes Gefühl zu bekommen, wie intensiv man diese Medien nutzt, ist schon in der Kita sinnvoll. Das Buch muss natürlich weiterhin neben dem PC wertvoll bleiben. Und die Kinder sollen hier erfahren: PC hin oder her – manchmal macht es mehr Spaß, draußen in eine Pfütze zu springen.

Sind die Kinder denn im Vergleich zu früher tatsächlich motorisch schlechter geworden?
Ich kann das nicht generell sagen, merke es aber immer wieder im Alltag: Ich habe vor kurzem das große Springseil ausgepackt und die Kinder durften sich ausprobieren. Für einige war es das erste Mal, weil die Eltern bislang nicht auf die Idee gekommen sind, dass ein Springseil den Nachwuchs reizen könnte. Das gehört zur Realität. Ich will aber auch betonen: Die meisten Kinder hier werden von ihren Eltern gut unterstützt. Viele gehen in einen Sportverein, können sich im eigenen Garten zuhause austoben und machen Ausflüge zu Fuß oder mit dem Rad. Diese Form der Förderung ist leider nicht in allen Teilen des Ruhrgebiets so ausgeprägt wie hier in Moers-Hochstraß.

Was bedeutet Ihnen Ihr Beruf?
Sehr viel. Ich habe als Kind schon immer gesagt, dass ich später einmal mit den ganz Kleinen arbeiten möchte. Denn es hat mir schon in jungen Jahren Spaß gemacht, die Nachbarskinder zu versorgen. Eine Zeit lang hätte ich mir vorstellen können, auch Kinderkrankenschwester zu werden. Aber nach einem Praktikum im Kindergarten während der Schulzeit wusste ich: Das ist genau meine Welt. Die Kinder geben uns als Erzieherinnen und Erzieher unglaublich viel zurück und saugen permanent Sachen auf. Das begeistert mich auch nach 41 Jahren noch jeden Tag aufs Neue.

Was gehört zu Ihren Highlights des Tages?
Jeden Tag erlebt man kleine oder manchmal große Highlights im Umgang und bei der Entwicklung der Kinder in jeder Altersstufe. Besonders jetzt in der Zeit der Eingewöhnung, wenn die neuen Kinder Vertrauen zu uns aufbauen, mit den anderen Kindern Kontakt aufnehmen oder die „alten“ Kindergartenkinder die neuen miteinbeziehen und auch da schon Freundschaften geschlossen werden. Außerdem liebe ich die Gespräche am Wickeltisch. Denn wir haben immer wieder Kinder dabei, die in der Gruppe ganz wenig erzählen – aber am Wickeltisch steht der Mund dann nicht still. Ein Dreijähriger hat mir dort erst gestern erzählt, dass er zwei ältere Jungs aus der Gruppe gerne hat. Nun wollte er nach dem Wickeln unbedingt bei beiden nachfragen, ob es ihnen auch so geht. Das sind einfach schöne Momente, die ich sehr genieße.

Wie stellen Sie sich Ihren Ruhestand vor?
Am 1. September 2024 habe ich die 45 Jahre voll, dann gehe ich in den Ruhestand. Was kommt dann? Ich bin ein Familienmensch und wünsche mir sehr, bis dahin Oma zu sein. Außerdem liegt mit der Sport sehr am Herzen und ich möchte ihn gerne noch intensiver im Verein betreiben und als Mitglied im Stadtsportverband mitwirken. Mit meinem Mann und unserem Freundeskreis würde ich künftig gerne ausgiebige Städtetouren machen und noch ein bisschen von der Region und der Welt sehen. Auf diese Ausflüge und Urlaube freue ich mich sehr.

Und was glauben Sie, werden Sie als Rentnerin vermissen?
In jedem Fall nicht das Gefühl, einen Zeitplan einhalten zu müssen (lacht). Natürlich werde ich die Kinder und das fröhliche Lachen am Morgen vermissen. Ganz am Anfang meiner Ausbildung sagte meine damalige Chefin zu mir: „Singen, spielen, tanzen, lachen – das ist das ABC der Kindergartenkinder.“ Und genau das lebe ich seit nunmehr 41 Jahren jeden Tag aufs Neue. Ist doch klar, dass mir das fehlen wird!

Das vollständige Interview findet ihr hier
 


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